Gedanken zur Modellbahn & meiner Leidenschaft

…ausgelöst durch Burkhard Spinnens Buch „Modell-Eisenbahn“ – Kleine Philosophie der Passionen…

Dank an Frank, unbedingt lesenswertes Buch, in dem der Autor seine Entwicklung durch die verschiedenen Stufen (und meist scheiternden Versuche) des Modelleisenbahner-Daseins beschreibt. Kommt mir in Teilen natürlich bekannt vor, denn als Spieleisenbahner hat wohl jeder mal angefangen: der berühmte Kasten von Märklin mit einer kleinen schwarzen Dampflok und zwei grünen Personenwagen – Kreisverkehr im Elternschlafzimmer, der nur spärlich mit der einen oder anderen Weiche ergänzt wurde.

Und heute? Zwei Zimmer sind mit Anlagen mehrstöckig gefüllt, Märklin ist nicht mehr dabei, weil u.a. mit der österreichischen Firma Roco ein Gleichstrom-Anbieter auf den Markt kam, der nicht nur wesentlich preiswerter, sondern vor allem optisch (vielleicht auch technisch) sehr ansprechend daher kam und überzeugte.

Merkwürdigerweise fand mein Wiedereinstieg in das Modelleisenbahn-Hobby mit dem Beginn des Lehrerdaseins 1980 in Aurich statt (ebenfalls das intensive Lesen von Wallander-Krimis u.a.). Entspannung, Abwechslung, Ruhe, Kreativität, Haptik als Hauptgründe. Weniger technisches Interesse, da hatte ich in meinem Freund und Kollegen ADU viel Hilfe.

Erster Lokkauf in einem Modellbahn-Geschäft in Oldenburg. War’s eine 44 oder eine 01, jedenfalls eine der typischen großen Schlepptender Loks. Sehr realistisch im Maßstab 1:87, technisch überzeugend und vor allem optisch ein absoluter Genuss, weil alle Details toll gestaltet waren und ich immer den Eindruck hatte, dass diese Roco-Loks realistischer waren als ihre großen Vorbilder. Mittlerweile hat BRAWA sowohl die 01 als auch die 44 auf den Markt gebracht, in der Analogversion an die 400 € und natürlich hinsichtlich der Details und der Technik noch mal wieder eine Weiterentwicklung, so dass keine Wünsche mehr offen bleiben, wenn man ehrfürchtig das Modell betrachtet …

Die großen Vorbilder gehören zum Hobby für mich unbedingt dazu. Diverse Besuche bei Museumsbahnen, in Lokschuppen und bei Dampflok-Auftritten in Emden (Dampflok-Sonderfahrten). Zum Glück steht vor dem Emder Bahnhof eine 44er, eine der lezten unter Dampf auf DB Gleisen (Oktober 1977), leider natürlich kalt. Unbedingter Bestandteil der Dampflok-Zuneigung neben den optischen Eindrücken: der Geruch nach Wasserdampf, Rauch und Öl und die Geräusche einer vor sich hinröchelnden Lok am Bahnsteig kur vor der Abfahrt mit den typischen Geräuschen des sich dann rhythmisch steigernden Dampfausstoßes und der Bewegung der Räder (bei der 01 beträgt der Durchmesser 2 m).

Wechselwirkung: Durch das Modell wird der Blick auf die reale Lok und alle Details geschärft – umgekehrt betrachte ich ein Modell anders und intensiver, wenn ich das Original gesehen habe.

Faszination im Angesicht einer bald 300 Jahre alten Technik, deren Effizienz im Prinzip nur aus Kohle, Feuer und Wasser besteht und die doch in den letzten Jahrhunderten weltweit eine Revolution im Verkehrswesen ermöglicht hat, ohne die sehr vieles kaum möglich gewesen wäre: Industrialisierung, Verstädterung, Mobilität bis ins fast letzte Dorf, Reisen – aber leider auch Kriegsführung.

Erweiterung von Basiskenntnissen durch Fachliteratur und Fachzeitschriften sowie TV-Sendungen (Eisenbahn-Romantik u.a.), denn die weltweite Geschichte der Eisenbahn ist vor allem Kultur-, Sozial- und Kolonialgeschichte (Cecil Rhodes hätte gerne eine durchgehende Bahnlinie von Kapstadt nach Kairo gebaut). Ohne chinesische Arbeiter gäbe es keinen Ost-West Schienenstrang in den USA (und keine Chinatowns in den Großstädten), in Indien wurden Uhren und Zeitangaben (nicht mehr: vor dem Sonnenaufgang, bei Sonnenuntergang) notwendigerweise für die Fahrpläne eingeführt und vieles mehr.

In den 1920er Jahren war die Deutsche Reichsbahn der größte Arbeitgeber im Lande, der aber nicht nur einen Arbeitsplatz in dem sehr breiten Spektrum vom kleinsten Arbeiter bis hin zu akademisch qualifizierten Beamten bot, sondern auch Werks- und Dienstwohnungen, Versicherungen, Schrebergärten in Gleisnähe und hinter Stellwerken, Blockstellen u.a.

Zwischenüberlegung: Eisenbahnen, wenngleich nicht mehr unter Dampf, bewegen Menschen und Waren auf nahezu allen Kontinenten, aber was bewegt mich, seit 45 Jahren Modellbahnanlagen zu bauen und Welten im Maßstab 1:87 zu gestalten? Kreativität fällt mir als erstes ein, das Umsetzen von Erlebtem und Gesehenen in ein Modellabbild von Wirklichkeit. Das betrifft Landschaften (Norddeutschland) ebenso wie Gebäude (Architektur von den 1870er Jahren bis in die 1950er) und Fahrzeuge (Autos, Gespanne, Traktoren).

Bahnhofs- und Fabrikgebäude im Klinkerstil sind mir wichtig: preußische Architektur mit Liebe zu Details und Ornamenten an den Gebäuden sowie viele ästhetische Gestaltungselemente an/um Fenster und Türen sowie Dächern und Schornsteinen statt glatter und seelenloser Betonarchitektur – der Mensch braucht Schönes und Ästhetik auch am Arbeitsplatz, dachte man früher offensichtlich, das schätze ich und will es entsprechend im Modell ebenfalls.

Gebäude zusammenkleben: nicht mehr nur aus Plastik, sondern mittlerweile auch aus Resin oder Lasercut (Architekturkarton, Holz u.a.), sie verändern und „supern“, also mit Patina versehen, ergrauten Klinkermauern und grauem Fugenmörtel gehört zum Streben nach realistischen Eindrücken, ebenso die Klinkerdominanz in norddeutscher Landschaft oder das Strohdach auf niedersächsischen Bauernhäusern (mit Sisal z.B.). Und dann die „Bevölkerung“ (Preiser & Co.): da gibt’s fast alles und das in den passenden Epochen, bei mir also 1950er/60er Jahre bzw. 1920er Jahre. Auch etliche selbst angemalte Personen auf den Anlagen bzw. passend gemachte durch kleine Veränderungen, gleiches gilt für Tiere, die ja bei den dörflichen Themen wichtig sind. Fahrzeuge natürlich passend zum gewählten Zeitabschnitt, wobei ggf. rote/gelbe Lichter nachgearbeitet werden und natürlich passende Kfz-Kennzeichen angebracht werden. Pularbeit mit feinsten Pinzetten oder Pinseln, aber all das (wie auch z. T.) Personen/Beleuchtung/Einrichtung in einzelnen Häusern sowie Straßenbelag und -laternen erzeugen eine realistische Stimmung. Und damit kann man sich stunden- und tagelang kreativ-konstruktiv beschäftigen, bis auch die letzte Weide, der Fabrikhof oder das BW-Gelände einen zufriedenstellend realistischen Eindruck (auf mich) machen. Manchmal sitze ich nur am Rand der Anlage, lasse nichts fahren, sondern betrachte nur – und siehe: wohlgefällig ruhet sein Auge auf dem so Erschaffenen. Idylle? Nö, nur ein Versuch, Lebenssituationen (und vor allem auch Arbeitssituationen) nachzubilden. Eigentlich kenne ich jede Personengruppe, denn sie stellt Erinnerungen an real Erlebtes nach bzw. setzt eine -woher auch immer stammende- Vorstellung davon um, erzählt mir Geschichten.

Ach ja, und natürlich die Züge, die sind doch eigentlich die Hauptobjekte des Hobbies (der Begierde)? Oder doch nicht, weil Gestaltung und Landschaftsbau doch so freudig besetzt sind? Gehören natürlich unbedingt dazu und folgen wieder den an der Realität orientierten Grundsätzen. Das gilt für namhafte D-Züge mit Kurswagen ebenso wie für lange Güterzüge. Auch bei denen muss meist Patina auf die Waggons gebracht werden, Bremshebel werden nachträglich mit roter Farbe versehen und die Personenwaggons erhalten Zuglaufschilder und werden nach Vorbild zusamengestellt, dadurch auch Kurswagen der SNCF, SBB, ÖBB, DSB u.a. Häufig motiviert durch Berichte über namhafte Züge in den Eisenbahnzeitschriften: dann geht’s nach oben und siehe da, so einen Zug habe ich doch, der könnte ja vielleicht mal mit anderen Wagen versehen werden – und schon geht der Spaß wieder los….

Bei den Gleisplänen vordringlicher Wunsch: lange Züge sollen fahren können und für längere Zeit sichtbar sein, so dass man sie mit erfreutem Auge verfolgen kann. Oft lasse ich sie auf der Strecke stehen, um in Ruhe Details zu betrachten und oft genug fällt mir dabei was Neues und Schönes auf, bevor die Garnitur wieder im Schattenbahnhof verschwindet. Bei der 1920er Anlage läuft dass dann im Bahnhof ab, wenn die Züge an den Bahnsteigen stehen bleiben, ggf. auch entstaubt werden oder mich zu kleinen Geschichten anregen, die ich dann gerne fotografiere und beschreibe.

==> https://anlagensoftware.blog/2024/12/19/23-dezember-1924/

Und was ist mit der Digitalisierung? Nö, lass man, ich will verstehen, was ich tue und was in meinen Dampfloks abläuft, auch wenn der ganze digitale Schnickschnack seinen Reiz hat mit diversen Licht- und Soundfunktionen – darauf würde ich mich vielleicht einlassen, wenn ich komplett neu mit einer Anlage beginnen würde, aber das ist nicht mehr mein Wunsch.